Kleine Geschichten aus der Oberpfalz und dem Rest der Welt

Märchenhafter Mittwoch – Der Prinz der ersten Blüte

Endlich ist er da, der Frühling. Nachdem er zunächst recht zauderhaft wirkte, kam er nun mit einer echten Blütenexplosion. Allergiker fluchen – ich freu mich. Zeit für eine kleine, feine Geschichte mit Frühlingsgefühlen.

Der Herr Frühling schlich nun schon seit einer ganzen Weile durchs Land. Frau Winter hatte ihm zwar immer wieder die ein oder andere Stolperfalle gelegt, doch letztendlich musste sie sich durch seine Hartnäckigkeit geschlagen geben. Sie zog in ihr Sommerquartier im hohen Norden und Herr Frühling konnte seine ganze Zaubermacht wirken lassen. Doch so kam es, dass die Apfelkönigin in diesem Jahr recht spät erwachte. Sie war noch ziemlich schläfrig als ihre Baumschützlinge schon in voller Blüte standen. Eine echte Königin lässt sich von etwas Schlaf in den Augen jedoch nicht aufhalten. Die Apfelkönigin atmete tief ein, sog genüsslich die warme Frühlingsluft auf und nieste dreimal kräftig. Dann machte sie sich auf den Weg, um bei all ihren Schützlingen nach dem Rechten zu sehen. Sie schwebte von Baum zu Baum, von Blüte zu Blüte. Doch was war das? Auf einer der Blüten lag ein kleiner Mann und schlief. Ein zartes Wesen mit einem Krönchen auf dem Kopf. Die Apfelkönigin räusperte sich geräuschvoll, um den winzigen Kerl zu wecken, ohne ihn zu erschrecken. Das Männlein setzte sich auf und blinzelte die Königin an. „Oh, verzeiht, Hoheit, ich habe wohl ein wenig verschlafen. Ich bin der Prinz der ersten Blüte und sollte eigentlich schon fort sein, bevor ihr die Wacht übernehmt.“ Der Prinz gefiel der Königin. Er hatte ein hübsches Gesicht und konnte sich sehr gewählt ausdrücken. „Ach, es ist doch schön, euch einmal kennenzulernen. Ich wusste ja gar nicht, dass es euch gibt. Aber wo ihr nun schon einmal da seid, bleibt doch auf ein Tässchen Morgentau.“ Und der Prinz blieb. Nicht nur auf ein Tässchen, sondern gleich auf zwei. Und dann auf ein drittes, weil er so hübsch „Danke, Hoheit“ sagen konnte.

Dabei vergaß er völlig, dass ein Prinz der ersten Blüte eigentlich mit dem ersten warmen Windhauch weiterziehen muss.

Die Apfelkönigin störte sich nicht daran. Sie ließ den Prinz auf ihrer Schulter Platz nehmen und zeigte ihm  jeden Zweig ihres Reiches. Äußerst gründlich natürlich, denn sie genoss die Gesellschaft.

„Seltsam“, murmelte Herr Frühling und kratzte sich am Kopf, „dieser Prinz ist aber spät dran dieses Jahr. Sollte er nicht längst mit dem Frühlingswind weitergezogen sein? 

„Ach was“, rief die Königin, strich sich eine lose Blüte aus dem Haar und wischte die Bedenken des Herrn Frühlings hinfort. Ob der Prinz der ersten Blüte für immer geblieben ist und sie glücklich bis an ihr Lebensende lebten fragt Ihr? Wer weiß das schon? Ich kann euch nur so viel verraten: Die Äpfel, die schmeckten in jenem Jahr besonders süß. 

So, meinen Prinz habe ich ja schon gefunden, ich schwebe später vielleicht trotzdem noch ein bisschen von Baum zu Baum, um ein bisschen Vitamin D und gute Laune zu tanken.

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