Zum Ende der Sommerferien haben wir mal wieder einen Ausflug in den Bayerischen Wald zum Großen Arber gemacht. Während unserem in Berlin aufgewachsenem Stadtkind kein Weg zu weit ist und er schon im Kindergartenalter selbst lange Wanderungen ohne zu murren absolvierte, ist unser geborenes Landkind doch ein wenig Fußfaul. Da müssen wir immer ein bisschen tricksen und uns ein paar Highlights für den Weg ausdenken, um ihn hinter dem Ofen hervorzulocken. So sind wir zunächst mit der Gondel auf den Berg hinaufgefahren. Erstes Highlight: Check! Dann sind wir in einem ausgetrockneten Flussbett von Stein zu Stein springend wieder bergab gelaufen. Zweites Highlight: Check! Mein rechtes Knie, das gerne einmal Zicken macht, hätte auf dieses Highlight allerdings gerne verzichtet – das nächste mal würde ich die Tour also umdrehen und erst hochkraxeln und dann mit der Bahn wieder runter gondeln. Aber sei es drum, bei dieser Variante konnten wir am Ende der Tour noch auf dem Großen Arbersee Tretbötchen fahren – ein Vergnügen, dass ich seit etwa 30 Jahren nicht mehr hatte. Drittes Highlight: Check!. Für unterwegs habe ich immer gerne die ein oder andere Geschichte parat, die ich erzählen kann, wenn dann doch Langeweile aufkommt. War aber diesmal gar nicht nötig. Dafür erzähl ich die Geschichte von der Arberhexe jetzt einfach euch an diesem sagenhaften Sonntag…


Den Großen Arber, den König des Bayerischen Waldes, umgibt seit jeher eine ganz eigene Magie. Die Weiten und Wälder gehören dem Arbergeist, der dort arme Wanderer in die Irre führt. Doch den Gipfel des Berges, den meidet der Geist, denn die Gipfelmacht beansprucht eine noch viel bösere Kreatur. Die Arberhexe ist mächtig, düster und nicht zu Späßen aufgelegt. Wer des Nachts über das Plateau auf der Höhe streift, wird feststellen, dass sie auch wenig gastfreundlich ist. Manch ein Wanderer berichtete von Kratzern und Bissen, die Haut und Nerven brennen ließen.




Einst nahm ein junger Bursche den Weg über den Großen Arber – mit leichtem Gepäck und schweren Gedanken. In der Ruhe der Wälder wollte er seinen Liebeskummer vergessen. Doch achtete er nicht auf den Weg. Er verlief sich und so kam es, dass er sich im Zwielicht der untergehenden Sonne auf dem Gipfel wiederfand. Rasch suchte der Junge ein wenig Reisig zusammen, um ein Feuerchen auf dem Plateau zu entfachen. Hier wollte er die Nacht verbringen und im Morgengrauen den Abstieg antreten. Gedacht, getan. Als das kleine Feuer brannte, wickelte sich der Bursche in seinen Mantel, starrte trübsinnig in die tänzelnden Flammen und als die Dunkelheit fiel, übermannte ihn der Schlaf.
Der Mond hatte schon einen guten Teil seines Weges am Himmelszelt zurückgelegt, da erwachte der junge Bursche. Es war ein eisiger Hauch im Nacken, der ihn hatte auffahren lassen. Nebel waberte wie ein zarter Schleier über dem Boden des Plateaus. Der Junge hörte ein Kratzen, spürte erneut den eiskalten Hauch im Nacken. Das Feuer war erloschen. Nur ein wenig Glut war zurückgeblieben. Der Bursche blickte sich um. Im Schein des Mondes sah er sie. Zwischen den Steinen stand sie – dürr, gebeugt, mit glühenden Augen. Der Bursche meinte ein Zischen zu hören: „Der Gipfel gehört mir allein“. Der Schlag einer knorrigen Hand, ein Biss, der seine Haut verbrannte – der Junge rannte los. Mitten ins Dunkel. Er stolperte den Hang hinab. Nur der Mond leuchtete sanft den Weg. Erst weit unten wagte er, sich umzusehen. Doch der Gipfel lag im Dunkeln. Friedlich und still.

Am nächsten Tag und in der nächsten Ortschaft angelangt, lachte der Bursche über sich selbst. Meine Sinne haben mir wohl einen Streich gespielt, dachte er. Er betrat eine Schänke, um sich für den Heimweg zu stärken. Der Wirt sah ihn stirnrunzelnd an. „Junge, wisch dir lieber das Mal von der Stirn, wenn du nicht willst, dass die Leute dich mit Mistgabeln fortjagen. Nicht jeder hier versteht so einen Spaß. Da hat dir wohl jemand einen Streich gespielt, während du schliefst. Hast wohl einen über den Durst getrunken, was?“ Der Bursche verstand kein Wort. „Mal? Welches Mal?“ „Na, das Teufelszeichen, den Drudenfuß auf deiner Stirn! Mit Asche gezeichnet. Oder willst du, dass dich der Leibhaftige holt?“ Der Wirt lachte. Doch der Bursche spürte einen eisigen Hauch im Nacken.

Die Sage von der Arberhexe hat ihren Ursprung in den Zeiten als der Arber als heiliger Ort galt. Für unsere keltischen Ahnen war es nur logisch, dass auf den Gipfeln des Arber eine dreifaltige Göttin thronte, in Gestalt einer weißen, roten oder schwarzen Frau. Sie konnte Segen bringen oder Unheil, Glück oder Verderben.
Doch mit dem Einzug des Christentums veränderte sich das Bild der Göttin. Kurzerhand wurde aus ihr eine Hexe gemacht und der heilige Berg wurde ein verfluchter Ort. Man mied den Schatten des Bösen und wagte sich kaum noch über die Baumgrenze hinaus. Doch irgendwann wusste man gar nicht mehr so genau, warum.
Später, als Städter auf der Suche nach Erholung und Abenteuer den Gipfel stürmten, bekam die Arberhexe ihr Revival. Doch die alten Mythen waren nun heimeliger Volksglaube. Für alle Fälle wurde mildem Bau der Arberkapelle im 19. Jahrhundert die dunkle Erinnerung gebannt.






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