Es gibt in den sozialen Medien ja gerade diesen schönen Trend: Aktuelles Ich trifft jüngeres Ich und gibt weise Ratschläge. Ich bin ja ein Fan von solchen Gedankenspielchen und habe viel darüber nachgedacht, was ich meinem jüngeren Ich sagen könnte, wenn wir uns begegnen. Wir würden uns wahrscheinlich an einem Freitagabend im Studio AZ, in meiner alten Heimat treffen und mit Wodka Red Bull anstossen. Oder in der nächsten Großstadt auf einen Kaffee. Mein jüngeres Ich würde seinen Kaffee schwarz trinken ohne hinterher Bauchschmerzen zu bekommen. Wo auch immer wir uns verabreden würden, wir kämen beide superpünktlich und zu Fuß. Mein jüngeres Ich würde sich freuen, mich zu sehen: „Hey! Wir haben ja noch die gleiche Frisur! Aber müde schaust du aus.“

„Ja, zu viel Doomscrolling.“ „Doom- was? Ich kenne nur das Spiel.“ „Ja, das ist so ähnlich, naja, jedenfalls waren gerade Wahlen. Und es wird wohl einen Kanzler geben, CDU, der dich als links-grüne Spinnerin bezeichnet.“ „Mich persönlich?“ „Nein, aber Leute wie dich.“ „Leute wie mich?Wohnen wir etwa in einer Kommune und sind Selbstversorger, die sich an Bäume ketten? Haben wir ein Haus in Berlin besetzt!?“ „Ähm, nein, nicht ganz. Wir wohnen in einer bayerischen Kleinstadt in unserem eigenen kleinen Einfamilienhäuschen, sind verheiratet, haben zwei Kinder, arbeiten Teilzeit als Freelancer und zahlen brav unsere Steuern. Wir haben noch nie irgendetwas besetzt oder uns irgendwo angekettet und haben das auch nicht vor. Tatsächlich hatten wir noch nicht einmal einen Strafzettel wegen falsch Parken.“ Mein jüngeres Ich guckt mich irritiert an. „Okay, dann verstehe ich das mit den links-grünen Spinnern nicht. Was haben wir gemacht? Arbeiten wir irgendwo im Untergrund?“ „Nein, wir waren auf einer Demo gegen Rechtsextremismus.“ „Die gibt es immer noch?!“ „Ja und es ist sogar schlimmer geworden. Erinnerst du dich an die Republikaner? Und weißt du noch wie entsetzt alle waren, als ihr in Sozialkunde eine Scheinwahl gemacht habt und genau eine Person die Reps gewählt hat? Keiner konnte es glauben und alle dachten, da muss sich jemand einen doofen Scherz erlaubt haben – so tickt doch niemand.“ „Klar erinner ich mich. Besser als du. Ist für mich ja noch nicht lange her.“ „Naja, die Reps sind passee. Dafür gibt es jetzt die AfD. Reimt sich zwar, ist aber nicht gut. Und die AfD hat 20 % Stimmen abgesahnt. Bei einer echten Wahl. Die haben eine Kanzlerkandidatin gestellt, die noch kurz vor der Wahl gesagt hat, Hitler sei ein Kommunist gewesen.“ „War die in Geschichte Kreide holen?“ „Sie hat die Kreide geholt und dann gefressen. Die AfD präsentiert sich gern als Partei „des kleinen Mannes“, will aber Erbschafts- und Vermögenssteuer abschaffen, dem Klimaschutz den Rücken kehren, stellt Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht und ihre Mitglieder fallen immer wieder durch rassistische Äußerungen auf. Oh, in Teilen gilt die Partei auch als gesichert rechtsextrem.“ „Das klingt ja gar nicht gut. Und die haben 20 %?! Wir sollten unsere Kinder schnappen und auswandern! Apropos Kinder. Wieso haben wir überhaupt Kinder? Wir wollten doch gar keine. Habe ich nicht immer gesagt, es ist keine gute Idee Kinder in diese kaputte Welt zu setzen?“ „Ja, das ist so eine Sache. Also das mit dem Auswandern wird schwierig. In den USA zum Beispiel. Weißt du noch, als du in den USA warst und dort die Demos gegen George W. Bush gesehen hast?“ „Ja, klar, war ja erst.“ „Naja, die Leute, die damals gegen George W. demonstriert haben, würden sich heute wahrscheinlich freuen, wenn sie den aktuellen Präsidenten gegen ihn austauschen könnten.“ „Wer ist denn der aktuelle Präsident?“ „Donald Trump.“ „Trump? Der mit dem Tower? Der in den 80ern Botschafter in der UdSSR werden und den Kalten Krieg innerhalb einer Stunde beenden wollte?“ „Ja. Naja, mit realistischen Zeiteinschätzungen hat er es immer noch nicht so. Aber das ist nicht mal das Schlimmste. Sein best Buddy ist der reichste Mann der Welt. Und der wiederum findet die AfD super und hat den Deutschen empfohlen, sie zu wählen. Außerdem leitet er eine etwas undurchsichtige Behörde, die eine Rolle beim Staatsumbau in den USA spielt. Du ahnst, was dabei rauskommt?“ „Staatsumbau…, na, nichts Gutes…“ „Oh ja. Ich sage dir, hier ist was los. Eigentlich dachte ich ja, mit der Pandemie sei das schlimmste überstanden. Aber dann hat Putin die Ukraine überfallen, der Krieg dauert jetzt schon drei Jahre und…“ „Moment mal?! Pandemie?! Krieg in Europa?! Wow, das macht ja richtig Bock auf Zukunft. Hast du nicht wenigstens einen guten Rat für mich oder so? Die anderen, die sich mit ihren jüngeren Ichs treffen, haben immer einen guten Rat und ich bekomme hier einfach nur die volle Breitseite schlechter Nachrichten ab.“ „Du hast recht. Guter Rat. Hm. Oh, ich weiß was: Lass das Studium sausen und starte lieber einen Blog.“ „Einen Blog?“ „Ja, das ist so was wie ein Logbuch im Internet, wo du zu bestimmten Themen schreibst. Also: starte einen Blog – am besten irgendwas mit Mode, später wechselst du dann zu Mama-Themen und gehst auf Instagram.“ „Instagram?!“ „Merk’s dir einfach. Und zu den Kindern: Bau einen Turm im Wald, sperr die Kinder da rein, pack sie in Watte und setz dich obendrauf, dann wird das schon. Kleiner Scherz. Unsere Kinder sind beide Wunschkinder. Manchmal überlegt man sich halt was anders und das ist auch gut so. Und außerdem: keine Kinder sind auch keine Lösung. Unsere Kinder sind jedenfalls happy. Und wir werden einfach alles tun, damit das so bleibt.“ „Sollten wir dann nicht lieber in die Politik gehen, anstatt so einen komischen Blog zu machen? Und dann auch noch Mode? Ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber, also, naja.“ „Ach du, ich wusste schon immer, dass du die Weisere von uns beiden bist! Weißt du was? Du machst das schon!“

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